Wanderung von Deutschland nach Italien (E5)
Heute ist es soweit. Um 08:30 treffen wir uns bei D, Kaffee in der Hand, irgendwo zwischen verschlafen und aufgeregt. Dann geht’s los nach Oberstdorf, parken in der Nähe der Nebelhornbahn. Start in unser E5-Abenteuer.

Tag 1: Oberstdorf → Kemptner Hütte
Die erste Etappe wiegte uns in falscher Sicherheit: 10 Kilometer flach bis nach Spielmannsau. Dann die erste echte Herausforderung: 3 Kilometer und 800 Höhenmeter.

Ich war komplett fertig, und der letzte Abschnitt wurde richtig brutal. Die Stimmung hob sich nur mit dem Gedanken an Kaiserschmarrn auf der Hütte.
Gegen 16:00 kamen wir an – und es gab keinen Strom. Kein Licht, kein Netz, nichts. Also saßen wir einfach im Gras. Irgendwann durften wir einchecken und Flaschenbier kaufen (Zapfanlage ging nicht). Wir erfuhren, dass eine Baustelle die Stromleitung beschädigt hatte. Gegen 18:00 wurde per Hubschrauber ein Generator eingeflogen. Alpine Problemlösung vom Feinsten.

Tag 2: Kemptner Hütte → Memminger Hütte
Der Schlaf war … begrenzt. Der Typ im Nachbarbett hat bis 01:00 Filme geschaut und seine Stirnlampe in eine persönliche Disko verwandelt.
Um 07:30 ging’s los. Erst etwas rauf, dann wieder runter. Wir machten einen Abstecher zu einem Wasserfall und überquerten eine Hängebrücke, die mehr schaukelte, als uns lieb war.

In Holzgau: Landjäger-Pause. Dann teilte sich die Gruppe: A nahm zusätzliche 14 km und 300 Höhenmeter in Angriff, während D und ich den Bus nahmen (leicht beängstigende Fahrt).
Der letzte 2,5-stündige Anstieg begann entspannt, zog sich aber am Ende ziemlich. Die Hütte zeigte sich erst in den letzten 10 Minuten.
Wir duschten, richteten uns ein und trafen unsere Begleiter für die nächsten Tage. A kam etwa zwei Stunden später an. Die Getränke waren teuer. Sehr teuer.

Tag 3: Memminger Hütte → Zams
Alle waren um 05:00 wach – dank einer Gruppe Kinder, die wie Elefanten durch den Schlafsaal trampelten.
Der Tag begann mit einem Anstieg über einen Pass bei leichtem Regen. Der letzte Aufstieg war steil, aber der Blick ins nächste Tal machte alles wett.


Dann kam der Abstieg: 1.900 Meter nach unten. Beide Hütten unterwegs waren geschlossen. Bekannte Gesichter tauchten immer wieder auf, Gespräche ergaben sich ganz von selbst.
Der Weg zog sich, und diese „gut ausgebauten Wanderwege“? Eher nicht. A ist zweimal gestürzt.
Als wir schließlich Zams sahen, ließen wir uns erst mal für 20 Minuten ins Gras fallen. Im Ort deckten wir uns im Supermarkt ein, holten ein Bier und nahmen die Gondel zu einer ziemlich fragwürdigen „Mittelstation“ (im Grunde eine Plattform auf einem Pfosten).

Tag 4: Zams → Braunschweiger Hütte
Wir nahmen die erste Gondel und folgten einem Panoramaweg, um etwa eine Stunde zu sparen. Angeblich der härteste Tag – aber der Morgen fühlte sich fast flach an. Wir kamen gut voran.


Bus nach Mittelberg, dann ein Stopp im Gletschercafé für Kaffee und Kuchen – genau als der Regen einsetzte. In einem Moment göttlicher Eingebung schickten wir zwei Rucksäcke mit der Materialseilbahn nach oben. Ohne das hätten D und ich es wahrscheinlich nicht geschafft.

Der Aufstieg begann wunderschön entlang von Wasserfällen, wurde dann aber steil, steinig und zunehmend unangenehm, als der Regen stärker wurde und Nebel aufzog.
Die Erleichterung bei der Ankunft war riesig. Lange Duschen, ein weiteres 100€-Abendessen und eine unruhige Nacht.


Tag 5: Braunschweiger Hütte → Martin-Busch-Hütte
Wir wachten auf – mit 30 cm Neuschnee.
Der Hüttenwirt empfahl eine einfachere Route: zur Gondel und ins Tal fahren. Aber auch: heute gehen, oder die nächsten drei Tage festsitzen.
Also liefen wir los, in einer langsamen Reihe, Sichtweite etwa 50 Meter, durch den Schnee stapfend. Am Ende waren alle stolz – aber ehrlich gesagt: es war gefährlich.

Wir erreichten die Gondel und warteten 30 eiskalte Minuten im Schneesturm, bis sie endlich lief. Unten erfuhren wir, dass an diesem Tag nur zwei Busse fahren würden. Verpasst man die, sitzt man fest.
Wir überlegten abzubrechen. Stattdessen nahmen wir den Bus nach Vent und wanderten entspannt zur Hütte. Plan: morgen je nach Wetter neu entscheiden.
Tag 6: Richtung Meran
Wir mussten einen Bus in Meran erwischen, also starteten wir früh. Der Hüttenwirt meinte, das Gehen sei in Ordnung …
Es lag Schnee, aber der Weg war noch erkennbar. Den Abstecher zur Ötzi-Fundstelle ließen wir aus und gingen weiter.

Die Bedingungen wurden schlechter: tieferer Schnee, kaum erkennbare Wege, beißende Kälte. Nahe der Similaunhütte reichte der Schnee bis zu den Knien. Den Aufstieg schafften wir im Zeitplan. Über 3.000 Meter Höhe – ein Novum auf dieser Tour.

Dann kam der gefährlichste Teil der ganzen Reise: der Abstieg.
Ein schmaler Pfad, auf der einen Seite Fels, auf der anderen ein gewaltiger Abhang. 1.500 Meter hinunter zu einem Stausee. Überall Schnee und Eis. Ein Ausrutscher hätte einen Sturz bedeutet.
Der schlimmste Abschnitt war eine vereiste Schräge, nur durch ein Stahlseil gesichert. Wir sind mehr gerutscht als gegangen.

Langsam wurde es wärmer. Der Abstieg flachte ab, und es fühlte sich endlich nach Italien an – nach Zielgerade.

Mit müden Beinen gingen wir die letzten Kilometer. Als wir den Stausee erreichten, war die Erleichterung riesig.

Bus nach Meran. Essenssuche. Dann eine große, wohlverdiente Pizza nahe dem Busbahnhof.
Von dort: Flixbus nach München, Regionalzug Richtung Heimat.
Geschafft.
Was als Wanderung begann, wurde zu einem echten alpinen Abenteuer – mit Stromausfällen, Hubschraubereinsätzen, Schneestürmen, brenzligen Situationen und unvergesslichen Momenten. Nicht alles lief nach Plan. Aber genau das hat es so besonders gemacht.